Aus der Kartei / Im Atelier
Jonas Eideloth Der Gedanke
vor der Figur.
Für Jonas Eideloth beginnt eine Skulptur mit einem Gedanken. Der Bildhauer aus der Nähe von Landau an der Isar beschäftigt sich mit ewigem Wachstum und dem Potenzial, das in einer menschlichen Figur liegen kann. Seine Werke sollen „Inspiration und Energie für jeden Tag“ sein.
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Jonas Eideloth / Sein Weg zur Bildhauerei
Jonas Eideloths Weg zur Bildhauerei führt über den weißen Marmor. Von 2009 bis 2012 lernte er in Laas in Südtirol das Steinbildhauerhandwerk. Anschließend arbeitete er 2012 und 2013 als Restaurator, unter anderem an Schloss Neuschwanstein. Seit 2014 ist er freischaffender Künstler. Er lebt und arbeitet in der Nähe von Landau an der Isar und ist seit 2017 Mitglied der Isargilde.
Heute verbindet er die Arbeit im Stein mit Fragen nach dem menschlichen Leben. Was kann eine Form in uns auslösen? Welche Geschichte lässt sich in ein Kunstwerk legen? In seinen Antworten beschreibt er das sehr direkt: „Letztlich geht es immer um ein Empfinden, das so ein Werk auslösen soll.“ Seine Skulpturen entstehen aus der Suche nach diesem Empfinden.
Formen, die ein Empfinden auslösen
Michelangelo, Rodin und Moore haben Jonas' Blick auf die Bildhauerei geprägt. Ebenso interessieren ihn antike Bildhauer und Arbeiten aus archaischen Kulturen. Geometrische Formen und Formen aus der Natur nennt er „Bauteile“, mit denen sich ein Empfinden auslösen lässt. Das erklärt, weshalb in seinen Arbeiten eine menschliche Figur und eine Kugel zusammenfinden können: Beide helfen ihm, einen Gedanken auszudrücken.
Für seine Suche ist ihm der „Blick in die Natur des Menschen“ wichtig. Persönliche Begegnungen und Erlebnisse gehören dazu, ebenso Psychologie, Philosophie, Theater, Film und Lyrik. Als Bezugspunkte nennt er Nietzsche und C. G. Jung sowie ausdrücklich A. Camus, Seneca und Ayn Rand. Diese Einflüsse geben einen Einblick in die Fragen, mit denen er an die Bildhauerei herangeht.
Erst war die Serie, dann kamen die Figuren
„Am Anfang steht immer der Gedanke der Serie“, schreibt Jonas. Beim Persephone-Projekt ist dieser Gedanke das ewige Wachstum. Die einzelnen Figuren greifen unterschiedliche Bereiche innerhalb dieses Themas auf. Drei der vier hier gezeigten Werke gehören nach seiner eigenen Zuordnung zum Persephone-Projekt.
Besonders anschaulich wird seine Vorstellung bei „Im Dunkel wächst“. Jonas erzählt von einer Frühlingsgöttin, die in die Dunkelheit hinabgerissen wird, dort zur Königin wird und schließlich wieder an die Oberfläche steigt. Diesen Gedanken übersetzt er in ein Samenkorn: Es muss ins Dunkel fallen, um wachsen und aufblühen zu können. So bekommt die große Erzählung ein einfaches, verständliches Bild.
Auch die Fragmentierung seiner Figuren gehört für ihn zu diesem Wachstumsgedanken. „Die Fragmentierung ist Potenzial“, schreibt er. Darin sieht er die Lebensbereiche eines voll gelebten Lebens vereint. Seine Werke sollen diesen Gedanken im Alltag wachhalten und „Inspiration und Energie für jeden Tag“ sein.

Im Atelier / Die Arbeitsweise
Vom Rohblock zur Figur
Bevor Jonas die Figur aus dem Stein arbeitet, bringt er Materialien auf den Rohblock auf: Graffiti, Rost, Beton und auch Gräser, Hölzer oder Wurzeln. Für ihn ist diese Umgebung des Steins ein symbolischer „urbaner Raum“, vergleichbar mit archäologischen Ebenen einer Geschichte.
Anfangs wollte er möglichst viel von diesem „urbanen Dreck“ stehen lassen. Inzwischen überlässt er es dem „natürlichen Prozess der Arbeit im Stein“. Welche Reste erhalten bleiben, entscheidet sich während der Arbeit an der Skulptur. Sein Maßstab ist das Zusammenspiel mit der entstehenden Figur.
„Was am Ende harmonisch übrig bleibt, bleibt. Alles andere verschwindet in Staub und Schutt.“Jonas Eideloth
Die folgenden Aufnahmen zeigen Jonas bei der Bearbeitung verschiedener Skulpturen mit Hammer und Meißel sowie am Arbeitstisch.
Feuer hinterlässt verbrannte Schichten
Auch Feuer gehört zu Jonas' Verfahren. Er entzündet Teile der aufgebrachten Materialien. So entstehen verbrannte Schichten, die er anschließend zum Teil weiter überarbeitet. Die beiden Aufnahmen zeigen dieses Verfahren; die Flammen sind hier selbst Teil der Arbeit an der Oberfläche.
Am Werk gesehen
Im Dunkel wächst
Die Kugel ist für Jonas eine „elementare Urform“. Sie kann auf Ganzheit, Ursprung, Potenzial oder Perfektion verweisen. In „Im Dunkel wächst“ hat sie eine konkrete Bedeutung: Sie ist der Samen und damit „das Potenzial, welches in der Erde liegt“.
Die Skulptur besteht aus grünem Verde-Guatemala-Marmor. Die runde Form ist in den Körper eingebunden. Die Wölbungen und Vertiefungen bilden eine Draperie, also einen in Stein gearbeiteten Faltenwurf. An der Basis bleiben farbige Materialspuren sichtbar. Jonas verbindet hier seine Vorstellung vom Wachsen mit einer Form, die wir aus der Natur kennen. Das Samenkorn macht seinen Gedanken zugänglich.

Am Werk gesehen
Architektur der Ewigkeit
Bei seinen anderen Figuren ist die Kugel für Jonas auch ein „visueller Anker oder Kern“, in dem ein ewiger Ursprung liegt. In „Architektur der Ewigkeit“ lässt sich dieser Anker gut erkennen: Die gleichmäßige Rundung steht innerhalb einer menschlichen Figur, deren Formen sich in verschiedene Richtungen öffnen.
Der weiße Marmor macht die Übergänge zwischen glatten Flächen, Vertiefungen und rauen Partien sichtbar. Am Sockel bleiben Reste der aufgebrachten Schichten. Gerade die klare Rundung der Kugel hilft, sich in dieser vielteiligen Figur zu orientieren. Jonas gibt seinem Gedanken vom Ursprung einen festen Platz im Körper.

Am Werk gesehen
Alle Lust
„Alle Lust“ ist aus rotem Travertin gearbeitet. In der stehenden Figur wechseln ausgearbeitete Körperpartien mit rauen und geöffneten Bereichen. Die menschliche Gestalt bleibt erkennbar, obwohl ihre Kontur immer wieder unterbrochen wird.
Jonas' Gedanke, dass Fragmentierung Potenzial bedeutet, gibt einen Zugang zu diesen Unterbrechungen. Beim Betrachten lässt sich der Körper an verschiedenen Stellen neu entdecken. Seine handwerkliche Arbeit verbindet die einzelnen Partien zu einer Figur, ohne ihre Unterschiede einzuebnen.

Am Werk gesehen
Morrigan
„Morrigan“ ist aus irischem Blaustein gearbeitet. Die dunkle Figur erhebt sich über einer Basis mit farbigen und rauen Materialresten. An ihr lässt sich das Verhältnis von bearbeitetem Stein und aufgebrachten Schichten besonders deutlich betrachten.
Auf die Frage nach dem Verfahren bei diesem Werk beschreibt Jonas, wie er Materialien um den Rohblock aufbaut und Teile davon verbrennt. Die Spuren dieser Arbeit gehören zu seiner Vorstellung von archäologischen Ebenen einer Geschichte. Damit bekommen auch die Reste am Stein eine Bedeutung: Sie erzählen von dem Material, durch das er sich zur Figur vorgearbeitet hat.

Jonas Eideloth in eigenen Worten
Sechs Fragen aus dem Atelier
Über Ideen, Arbeitsweise und die Gedanken hinter den Werken.
01Was steht am Anfang einer Serie?
„Erst war die Serie, dann kamen die Figuren.“ Am Anfang steht immer der Gedanke der Serie. Hier ging es um ewiges Wachstum, das anhand des Persephone-Mythos ausgearbeitet wurde. Die einzelnen Figuren greifen dann unterschiedliche Bereiche innerhalb des Serien-Themas auf.
Wie beispielsweise „Im Dunkel wächst“, das den Gedanken einer Frühlingsgöttin, die hinabgerissen wird in die Dunkelheit, um dort zur Königin zu werden und schließlich wieder als Frühlingsgöttin an die Oberfläche zu steigen, übersetzt in ein Samenkorn, welches ins Dunkel fallen muss, um von dort schließlich wachsen und aufblühen zu können.
Die anderen Werke greifen dann andere Aspekte dieses Themas von ewigem Wachstum auf.
02Was bedeutet die Kugel in deinen Skulpturen?
Die Kugel ist eine elementare Urform, die auf Ganzheit, Ursprung, Potenzial oder sogar Perfektion verweist.
Als Bildhauer sind Formen für mich ganz essentielle Bauteile für Skulpturen und hier ist die Kugel zum einen ein Symbol für den Samen, also das Potenzial, welches in der Erde liegt, bei „Im Dunkel wächst“, als auch ein visueller Anker oder Kern bei den anderen Figuren, in dem ein ewiger Ursprung liegt.
03Welche Materialspuren bleiben am Ende erhalten?
Was am Ende davon bleibt, gibt letztlich dann die Skulptur vor. Als ich ganz am Anfang mit dieser Technik begonnen hatte, wollte ich eher immer mehr stehen lassen, dieses Element des „urbanen Dreck“ zeigen.
Inzwischen überlasse ich alles dem natürlichen Prozess der Arbeit im Stein. Was am Ende harmonisch übrig bleibt, bleibt. Alles andere verschwindet in Staub und Schutt.
04Wie entstehen die verbrannten Schichten bei „Morrigan“?
Ich bringe zu Beginn ganz viele Materialien auf den Rohblock Stein auf. Graffiti, Rost, Beton usw. und eben auch Naturelemente: Gräser, Hölzer, Wurzeln usw. Alles als ein symbolischer „urbaner Raum“, der den Stein umgibt oder auch wie archäologische Ebenen einer Geschichte.
Diese umgebende Masse übergieße ich dann teils mit Benzin und zünde es an. Dadurch entstehen diese verbrannten Schichten, welche ich dann teils wieder weiter überarbeite.
05Was bedeutet die Fragmentierung für dich?
Die Fragmentierung ist Potenzial. Die in einer Skulptur vereinten Lebensbereiche eines voll gelebten Lebens und Symbol eines immerwährenden Wachstumsprozesses. Die Werke sind so Inspiration und Energie für jeden Tag.
06Welche Künstler und Gedanken haben deinen Blick als Bildhauer geprägt?
Selbstverständlich haben die großen Bildhauer wie Michelangelo, Rodin, Moore usw. meinen Blick auf die Bildhauerei geprägt. Sehr spannend in ihrem Geist sind allerdings auch allgemein antike Bildhauer oder Arbeiten aus eher archaischen Kulturen.
Letztlich geht es immer um ein Empfinden, das so ein Werk auslösen soll. Und allgemein Formen, geometrisch oder aus der Natur, sind Bauteile, um so ein Empfinden auszulösen.
Bei der Suche nach diesem „Empfinden“, der „Emotion“ oder Geschichte, welche in ein Kunstwerk gelegt werden soll, ist der Blick in die Natur des Menschen sehr wertvoll. Sei es über persönliche Begegnungen und Erlebnisse oder eben auch über Psychologie, Philosophie und den ganzen Ausdrucksweisen menschlichen Erlebens durch Theater, Film, Lyrik etc.
Neben Nietzsche und Jung möchte ich in dem Zusammenhang noch im Besonderen A. Camus, Seneca und Ayn Rand hervorheben.
Grundlage dieses Porträts sind die schriftlichen Antworten von Jonas Eideloth für die Reihe „Aus der Kartei“.
Ausstellungen und Auszeichnung
Im Juli 2026 erhielt Jonas Eideloth den Kulturpreis des Landkreises Dingolfing-Landau.
- 2026: „Katharsis“ mit Christian Evers, Orangerie München.
- 2024 und 2026: Brighter Art Gallery.
- 2024: Galerie Kunsträume Bayerisch-Eisenstein.
- Seit 2023: Skulpturensommer Vilsbiburg.
- 2020: Galerie Hegemann.
- 2019: Chiemgaugalerie Augustin.
- 2018: Galerie Benjamin Eck.
- 2015: Tollwood-Festival, München.
- 2011: Plawenna Park und Schlandersburg, Italien.
Weitersehen / Aktuelle Arbeiten von Jonas Eideloth
Die Werke in der Kartei
Jonas Eideloth ist Teil der Ikonenschmiede-Kartei. Hier findest du seine zuletzt veröffentlichten Werke.
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