Stundenlohn als Künstler berechnen: Wo ist die Untergrenze?
Inhalt7 Abschnitte
- 01Wie rechnest du deinen Stundenlohn als Künstler pro Kunstwerk aus?
- 02Warum ist der Stundensatz als Preisformel ein Denkfehler?
- 03Was verdienst du im Monat wirklich pro Stunde?
- 04Wo liegt die Untergrenze für deinen Stundenlohn?
- 05Was tust du, wenn deine Rechnung unter dem Vergleichswert landet?
- Häufige Fragen
- Fazit: Dein Stundenlohn ist deine Gegenprobe
Du verkaufst ein Bild für 600 Euro und freust dich den ganzen Abend. Dann rechnest du nach. Leinwand, Farbe, Rahmen, dazu drei Wochen Arbeit an jedem freien Nachmittag. Plötzlich steht da eine Zahl, die du lieber niemandem erzählst, am wenigsten dir selbst.
Diese Rechnung machst du vielleicht nur einmal, weil das Ergebnis wehtut. Mach sie trotzdem regelmäßig. So siehst du, ob sich deine Kunst rechnet oder ob du sie heimlich mit deinem Brotjob bezahlst.
Wir machen das in zwei Schritten: erst pro Bild, dann über einen ganzen Monat, mit allem, was im Atelier stehen geblieben ist. Danach legst du deine Zahl neben den Mindestlohn und neben einen Malergesellen, der eine Wand streicht. Und ich erkläre dir, warum du deinen Preis auf anderem Weg festlegst und den Stundenlohn als Gegenprobe nimmst.
Wie rechnest du deinen Stundenlohn als Künstler pro Kunstwerk aus?
Die Rechnung passt auf einen Bierdeckel. Du brauchst drei Zahlen: was bei dir ankommt, was das Material gekostet hat und wie lange du gearbeitet hast. Mehr steckt nicht dahinter.
- Nimm den Betrag, der bei dir landet. Bei einem Verkauf ohne Zwischenhändler ist das der Verkaufspreis, bei einer Galerie dein Anteil nach Provision.
- Zieh die Materialkosten ab: Leinwand, Farbe, Rahmen, dazu Verpackung und Versand, falls du sie bezahlst.
- Teile den Rest durch die Stunden, die du an diesem Werk gearbeitet hast.
Rechne mit dem Preis ohne Umsatzsteuer, falls du sie ausweist. Dein Ergebnis ist wie der Mindestlohn ein Bruttowert. Davon gehen noch Steuern ab, dazu Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung und die Kosten für Atelier, Werbung und Gebühren.
Wie viel dir nach einem Galerieverkauf bleibt, hängt vom Vertrag ab. Rechne das am besten vorher durch. Die Details findest du im Artikel Wie viel Provision nimmt eine Galerie vom Künstler? Für die Stundenlohn-Rechnung zählt nur dein Anteil.
Angenommen, dein Bild misst 60 x 80 cm und geht für 900 Euro an einen Sammler, den du selbst gefunden hast. Leinwand, Farbe und Rahmen haben dich 120 Euro gekostet. Du hast 30 Stunden daran gearbeitet. Es bleiben 780 Euro, geteilt durch 30 Stunden sind das 26 Euro pro Stunde.
Jetzt dasselbe Bild mit 70 Stunden Arbeit. Dann kommst du auf 11,14 Euro pro Stunde. Gleicher Preis und gleiches Format, trotzdem ist dein Stundenlohn um mehr als die Hälfte eingebrochen.
Im Podcast habe ich diese Rechnung einmal an einem Bild von 70 x 50 cm durchgespielt. Bei einem Quadratmeterpreis von 800 Euro kam es auf 280 Euro. Daraus habe ich einen Stundenlohn von grob 8 bis 10 Euro geschätzt und fand das selbst nicht so toll. Meine Empfehlung: Notier deine Stunden gleich beim Malen, mit Datum. Schätzt du sie im Nachhinein, wird die Zahl ungenau. Und eine ungenaue Zahl fällt leicht zu freundlich zu dir selbst aus.
Warum ist der Stundensatz als Preisformel ein Denkfehler?
Jetzt liegt die Versuchung nahe, die Rechnung umzudrehen: Stundenlohn festlegen, mal Stunden, plus Material, fertig ist der Preis. Klingt fair und ordentlich. Ich habe trotzdem schon 2018 im Kunst Verkaufen Guide davor gewarnt.
Den Denkfehler merkst du, sobald du schneller wirst. Wenn du effektiv und effizient arbeitest, wirst du mit dem Stundensatz dafür bestraft. Nimm zwei Bilder im gleichen Format, eins ist nach 15 Stunden fertig, das andere nach 60. Nach Stundensatz müsste das zweite viermal so viel kosten. Dein Sammler kennt deine Stunden nicht, er entscheidet am fertigen Bild.
Dasselbe gilt über die Jahre. Wirst du mit der Zeit sicherer und schneller, sinken deine Stunden pro Bild. Nach der Stundensatz-Rechnung müsstest du dann deine Preise senken, je besser du wirst. Das ist absurd. Trotzdem wirkt der Stundensatz auf den ersten Blick so vernünftig, dass du ihm leicht auf den Leim gehst. Im Podcast habe ich es so zusammengefasst: Du solltest deine Fähigkeiten gegen Geld tauschen.
Wie du zu einem Preis kommst, findest du ausführlich im Artikel Wie berechnest du den fairen Preis für dein Kunstwerk? Hier geht es nur um die Gegenprobe, die du danach machst.
Was du stattdessen tun solltest
Leg deinen Preis über Format und Künstlerfaktor fest. Rechne danach den Stundenlohn aus und schau, ob er über deinem Vergleichswert liegt.
Was verdienst du im Monat wirklich pro Stunde?
Der Stundenlohn pro Werk hat einen blinden Fleck. Er rechnet nur mit dem Bild, das verkauft ist. Die Bilder im Lager kommen darin nicht vor, obwohl sie genauso Zeit und Material gekostet haben.
In Folge 3 des Podcasts, im Mai 2019, habe ich eine andere Reihenfolge empfohlen. Bevor du dich an anderen Künstlern orientierst, stellst du dir eine Frage. Im Wortlaut: „wie viel Kunst kann ich schaffen pro Monat?“ Dazu kommen zwei Anschlussfragen, die du ehrlich beantworten musst.
- Wie viel Kunst kannst du pro Monat schaffen?
- Wie wahrscheinlich ist es, dass du davon im Monat etwas verkaufst?
- Wie viel willst du im Monat dafür erhalten?
Aus diesen drei Antworten wird eine Kontrollrechnung, die ehrlicher ausfällt als der Stundenlohn pro Werk. Nimm wieder ein Bild wie oben, 60 x 80 cm für 900 Euro mit 120 Euro Material. Diesmal brauchst du 20 Stunden pro Bild und rechnest über einen ganzen Monat.
| Posten im Beispielmonat | Wert |
|---|---|
| Gemalte Bilder, 60 x 80 cm | 6 |
| Arbeitsstunden (je Bild 20) | 120 Stunden |
| Material (je Bild 120 Euro) | 720 Euro |
| Verkauft (2 Bilder zu je 900 Euro) | 1.800 Euro |
| Nach Abzug des Materials | 1.080 Euro |
| Stundenlohn im Monat | 9,00 Euro |
Pro verkauftem Bild sieht es gut aus: 780 Euro für 20 Stunden sind 39 Euro pro Stunde. Über den Monat gerechnet bleiben dir 9 Euro, weil vier Bilder noch im Atelier stehen. Du denkst vielleicht: Die verkaufe ich später noch. Kann sein. Zeit und Material haben sie dich in diesem Monat trotzdem gekostet.
Ob dein Problem der Preis ist oder die Menge, die du verkaufst, merkst du erst in der Monatsrechnung. In derselben Folge war ich beim Preis deutlich. Wer seine Kunst hobbymäßig für ein paar Euro verscherbelt, bekommt dafür auch nur den Respekt, den man einem Produkt für ein paar Euro zollt. Liegt es am Preis, geht der nächste Schritt über deinen Künstlerfaktor. Wie du ihn ermittelst, liest du unter Wie findest du deinen persönlichen Künstlerfaktor?
Wo liegt die Untergrenze für deinen Stundenlohn?
Eine Untergrenze, die dir jemand schuldet, gibt es für dich nicht. Der gesetzliche Mindestlohn ist ein Anspruch von Arbeitnehmern gegenüber ihrem Arbeitgeber. Du verkaufst deine eigenen Werke frei und bist damit selbständig. Dein Käufer ist dein Kunde und zahlt den Preis, den ihr vereinbart habt.
Als Vergleichswert ist der Mindestlohn trotzdem nützlich. Verdienst du mit deiner Kunst mehr oder weniger als jemand, der zum gesetzlichen Mindestlohn angestellt ist? Lautet die Antwort über mehrere Monate „weniger“, drehst du an Preis, Zeit oder Menge.
Im Podcast habe ich dir 2021 einen zweiten Vergleichswert genannt, damals noch als Ausgangspunkt für deinen eigenen Stundenlohn. Wenn du dir noch gar nicht sicher bist, orientiere dich am Stundenlohn eines Malergesellen. Damals nannte ich dafür einen Mindestlohn von 13,80 Euro. Und nein, das ist keine Beleidigung für Malergesellen. Die 13,80 Euro sind heute überholt. Für Gesellen im Maler- und Lackiererhandwerk gilt seit 1. Juli 2026 ein Branchenmindestlohn von 16,13 Euro. Ist deine Arbeit weniger wert als das Streichen einer Wand? Ich finde, sie ist gleichwertig, wenn nicht höherwertig.
Ein Jahr vorher hatte ich eine Putzfrau als Maßstab genommen, mit 13 bis 26 Euro pro Stunde. In derselben Folge nannte ich den damaligen Mindestlohn von 9,35 Euro. Das war der Stand 2020 und ist längst überholt. Mein Rat damals: Setz für dich etwas mehr als den Mindestlohn an.
| Vergleichswert | Euro pro Stunde | Stand und Herkunft |
|---|---|---|
| Gesetzlicher Mindestlohn | 13,90 | seit 1.1.2026, BMAS; ab 1.1.2027 14,60 |
| Malergeselle, im Podcast genannt | 13,80 | 2021, Folge 238; heute 16,13 seit 1.7.2026 |
| Putzfrau, im Podcast genannt | 13 bis 26 | 2020, Folge 145, nicht nachgeprüft |
| Gesetzlicher Mindestlohn, überholt | 9,35 | 2020, nur zur Einordnung |
Leg deine eigene Zahl neben die Tabelle. Mit 9 Euro aus unserem Beispielmonat liegst du unter dem Mindestlohn und unter beiden Vergleichen aus dem Podcast. Mit 39 Euro pro verkauftem Bild liegst du über allen Werten. Beide Zahlen kommen aus demselben Beispielmonat. Je nachdem, ob du pro Werk oder pro Monat rechnest, stehen da 39 oder 9 Euro.
Was tust du, wenn deine Rechnung unter dem Vergleichswert landet?
Ein einzelnes Bild unter 13,90 Euro ist kein Drama. Manche Werke brauchen länger, manche Experimente gehen schief. Ab wann wird es ernst? Wenn deine Monatsrechnung mehrere Monate hintereinander darunter liegt. Dann hast du drei Stellschrauben.
- Der Preis: Prüf, ob dein Künstlerfaktor noch zu deinen Verkäufen passt. Verkaufst du fast alles und liegst trotzdem darunter, ist dein Preis zu niedrig oder du brauchst zu lange pro Bild.
- Die Zeit: Schau, wo Stunden verloren gehen, die das Bild nicht besser machen. Zum Beispiel Stunden, in denen du aus Unsicherheit immer wieder übermalst.
- Die Menge: Prüf, ob du mehr von dem verkaufst, was du malst, zum Beispiel über mehr Sichtbarkeit oder passendere Angebote. Sechs Bilder im Monat bei zwei Verkäufen drücken jeden Stundenlohn, mehr verkaufte Bilder heben ihn.
Fang mit dem Preis an, denn der wirkt auf jedes einzelne Bild. Danach schaust du auf die Zeit. Wer nur schneller malt, damit die Zahl stimmt, landet wieder beim Denkfehler von oben.
Häufige Fragen
Welche Stunden zählen für die Rechnung?
Für die Rechnung pro Werk zählst du die Stunden am Werk selbst, von der ersten Skizze bis zum Firnis. Für die Monatsrechnung zählst du alles, was du für deine Kunst arbeitest: Fotos, Beiträge, Verpacken, Ausstellungen aufbauen. Je ehrlicher du mitzählst, desto niedriger wird die Zahl. Das ist unangenehm, gewöhn dich daran.
Was ist, wenn ein Werk mehrere hundert Stunden gedauert hat?
Im Podcast habe ich dazu gesagt: Bei 600 Stunden an einem Kunstwerk muss der Preis entsprechend hoch sein. Rechne nach: 600 Stunden zum Mindestlohn als Vergleichswert ergeben 8.340 Euro, ab 2027 sind es 8.760 Euro, jeweils ohne Material. Findet sich für diesen Preis kein Käufer, bleibt das Werk ein Liebhaberstück. Das darf es geben, sollte aber die Ausnahme bleiben.
Gilt die Rechnung auch für Auftragsarbeiten?
Ja, als Gegenprobe funktioniert sie genauso, denn bei einem Auftrag kannst du den Aufwand vorher grob schätzen und am Ende nachrechnen. Wie du daraus einen Preis machst, liest du unter Wie berechnest du den Preis für eine Auftragsarbeit? Räumst du in einem Auftrag Nutzungsrechte ein, hast du nach § 32 Urheberrechtsgesetz Anspruch auf eine angemessene Vergütung. Eine feste Euro-Untergrenze ergibt sich daraus nicht.
Wie oft solltest du nachrechnen?
Am besten rechnest du in einem festen Rhythmus nach, etwa nach jeder abgeschlossenen Serie. Notierst du deine Stunden laufend, kostet dich das kaum Zeit. Nimm immer mehrere Monate zusammen, denn ein einzelner Monat schwankt zu stark.
Fazit
Dein Stundenlohn ist deine Gegenprobe
Deinen Stundenlohn als Künstler rechnest du schnell aus: Verkaufspreis minus Material, geteilt durch deine Stunden. Ehrlicher wird die Zahl, wenn du sie über einen ganzen Monat rechnest, mit allen Bildern, die du gemalt hast. Eine gesetzliche Untergrenze gibt es für dich als Selbständigen nicht. Als Vergleichswert nimmst du den Mindestlohn von 13,90 Euro seit 1. Januar 2026, ab 1. Januar 2027 sind es 14,60 Euro. Liegst du dauerhaft darunter, dreh zuerst am Preis, dann an Zeit und Menge. Den Preis legst du besser nicht über Stunden fest, sonst bestrafst du dich dafür, dass du besser wirst. Wie du ihn stattdessen aus Format und Künstlerfaktor ableitest, steht im Artikel Wie berechnest du den fairen Preis für dein Kunstwerk?
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