Aus der Kartei / Im Atelier
Sigrid Platzer Jedes Stück
hat seinen Platz.
Sigrid Platzer möchte mit ihren Bildern Halt und Zuversicht geben. Die Künstlerin aus der Steiermark verbindet Malerei mit selbst geschliffenen Spiegeln. Ihre Figuren erzählen von Vertrauen und Aufbruch. Wer davorsteht, findet sich selbst im Bild wieder.
Zum Gespräch mit Sigrid ↓
Die Künstlerin / Sigrid Platzer
Sigrid Platzer ist eine Künstlerin aus der Steiermark, wo sie lebt und arbeitet. Ihre Kunst beginnt bei dem, was sie selbst beschäftigt und was sie Menschen mitgeben möchte. „Ich male aus dem, was mich im Alltag bewegt und beschäftigt“, beschreibt sie ihren Ausgangspunkt. Daraus entwickelt sie Themen für ihre Malerei: Vertrauen, Leichtigkeit, Hoffnung und den Wunsch nach Halt.
Für Sigrid sollen ihre Bilder eine Bedeutung im Alltag bekommen. Sie wünscht sich, dass sie Menschen stärken und begleiten können. Für die Serie „stilles LICHT“ formuliert sie das als „eine kleine Stütze und ein stilles Licht in schwierigen Zeiten“. Gesichtsausdruck, Farben und Spiegel wählt sie passend zu diesem Anliegen.
Zu den Gesichtern fand Sigrid über eine bewusste Herausforderung. Im Interview erzählt sie, dass sie sich gerade den Porträts zuwandte, weil sie diese zunächst als besonders schwierig empfand. Sie übte und besuchte Kurse. Ihre Aufmerksamkeit für den Ausdruck ist bis heute zentral: Schon eine einzige Linie kann ein Gesicht verändern.
Wie Sigrid zur Malerei fand
Vor der Geburt ihrer ersten Tochter arbeitete Sigrid als Glaskünstlerin. Sie liebte das kreative Arbeiten und den Kontakt mit ihren Kunden. Während ihrer Karenz fiel beides weg. Ein ganzes Jahr lang machte sie nichts Kreatives. Gerade diese ungewohnte Pause zeigte ihr, wie sehr sie das eigene Gestalten braucht, um glücklich zu sein.
Vor ungefähr zehn Jahren begann sie deshalb aktiv zu malen. Besonders die figurative Malerei faszinierte sie, gerade weil sie sie damals noch nicht beherrschte. Sigrid wollte diese Herausforderung annehmen. Aus dem Üben und Entdecken wurde für sie „eine ganz große Liebe“.
Sigrid sagt, dass sie im Grunde durch ihre Kinder zur Malerei gekommen ist und ihnen dafür unglaublich dankbar ist. Heute möchte sie mit ihren Bildern auch anderen Menschen Halt und Zuversicht geben.
Die Geschichte entsteht auch beim Schreiben
Zu Sigrids Arbeitsweise gehört ein zweites Werkzeug neben Farbe und Glas: das Schreiben. Im Interview erzählt sie, dass sie während des Malens Gedanken zum Hintergrund eines Werkes festhält. Manchmal steht der Text bereits vor dem Bild. Manchmal wächst er während der Arbeit. Nicht jede aufgeschriebene Idee wird zur Leinwand.
Inspiration findet sie auch im Reisen. Im Gespräch verbindet sie damit das Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit, das Kennenlernen neuer Orte und die Möglichkeit, den eigenen Tag anders zu gestalten. Solche Erfahrungen geben ihr Themen, die sie in ihrer Kunst weiterverfolgt. Sie fragt, wie sich etwas von diesem Gefühl in einem Bild bewahren lässt.
Für eine Serie hält sie zunächst fest, welche Gedanken sie bearbeiten möchte. Dann sucht sie nach passenden Farben und Formen. Auch ihre Auseinandersetzung mit Farbwirkung gehört dazu. Sie beschreibt im Gespräch, wie sie nachliest und prüft, welche Farben zum jeweiligen Thema passen. Der Gedanke hinter dem Werk und seine Gestaltung entwickeln sich zusammen.
Im Atelier / Das Handwerk
Vom gemalten Bild zum geschliffenen Spiegel
Das handwerkliche Wissen aus der Glaskunst ist in diesen Bildern gegenwärtig. Sigrid hat in diesem Bereich ihre Ausbildung gemacht und ihre Malerei über Jahre weiterentwickelt. In ihren Werken kommen beide Fähigkeiten zusammen: Sie malt das Gesicht und bearbeitet auch das Glas, das später Teil der Leinwand wird.
In ihrer schriftlichen Einreichung beschreibt sie den Ablauf bis zum fertigen Spiegelstück. Meist hat sie schon beim Malen eine Vorstellung davon, wo Spiegel eingesetzt werden sollen. Wie präsent diese werden, entscheidet das jeweilige Bild. Manchmal bestimmen sie die Wirkung deutlich, manchmal sind sie erst beim näheren Hinsehen zu entdecken.

„Die Position und Form wähle ich sehr bewusst.“Sigrid Platzer
- Das Bild und seine Spiegelstellen. Zuerst entsteht die Malerei. Sigrid stimmt die späteren Spiegel auf die Figur und ihre Umgebung ab. So stehen ihre Form und ihre Position in einer Beziehung zu dem, was das Bild erzählen soll.
- Eine Schablone aus Backpapier. Für die gewählte Form fertigt sie eine Schablone an und überträgt diese auf den Spiegel. Dann schneidet sie das Glas mit dem Stahlrad zu.
- Sorgfältig bis an die Kante. Anschließend schleift Sigrid die Kanten. Erst danach befestigt sie die Spiegelteile auf dem Kunstwerk.
Halt geben und Wünsche ernst nehmen
Mit „stilles LICHT“ widmete sich Sigrid dem Bedürfnis nach Halt und Zuversicht. Ihre schriftliche Antwort beschreibt den Wunsch, dass die Bilder anderen Menschen Ruhe geben und sie in schwierigen Zeiten begleiten können.
Die Serie hat Sigrid inzwischen abgeschlossen. Als neue Arbeit nennt sie „1000 Kraniche“. Dabei geht es um Wünsche und besonders darum, die eigenen Bedürfnisse und den eigenen Wert wieder ernster zu nehmen.
Am Werk gesehen / Lucy
Wie „Lucy“ Zuversicht sichtbar macht
„Lucy“ streckt einen Arm nach oben. Der Blick folgt der Hand, während die andere Hand einen großen gelben Stern hält. Auf dem dunklen Grund liegen helle Sprenkel und kleine Sterne. Oben geht die Farbe in ein warmes Orange über. Die schmale, 150 Zentimeter hohe Leinwand gibt dieser Bewegung viel Raum. Sigrid lenkt den Blick durch die ganze Komposition nach oben.
Dabei bleibt die Figur sehr nah. In Gesicht, Haar und Kleidung treffen helle und dunkle Farbflecken aufeinander. Der Stern hat selbst ein Gesicht. Der Blick folgt der ausgestreckten Hand. Trotz des dunklen Hintergrunds wirkt diese Bewegung zuversichtlich. Die Künstlerin beschreibt „Lucy“ als Werk über Hoffnung, Mut und Zuversicht.
Ein Teil dieses Bildes besteht aus echten Spiegeln. Sie liegen unter der Figur, in der Schleife ihres Haars und im Gesicht des Sterns, den Sigrid „Liam“ nennt. Auf einmal kann zwischen den gemalten Formen ein Stück Umgebung auftauchen oder das Gesicht eines Menschen, der vor der Leinwand steht.

„Lucy“ und die zwei Raupen
Eine der schönsten Geschichten zu „Lucy“ beginnt mit einem Lied. „Dos Oruguitas“ kam unvermittelt zu Sigrid und passte für sie sofort zum Thema ihres Bildes. Sie sprach kein Spanisch. Ob auch der Text diese Verbindung bestätigte, wusste sie zunächst nicht.
Erst die deutsche Übersetzung erschloss ihr die Geschichte der zwei Raupen, die sich voneinander lösen müssen, um Schmetterlinge zu werden. Darin erkannte sie das Loslassen und das Vertrauen auf etwas Neues wieder, das sie auch mit „Lucy“ verband. Als sie das Lied zum ersten Mal zusammen mit dem Bild erlebte, kamen ihr die Tränen.
Am Werk gesehen / Noa
Eine Linie verändert ein Gesicht
Bei „Noa“ sind die Augen geschlossen. Helles Haar umgibt das Gesicht, darunter hält die Figur einen kleinen gelben Stern. Rot und Orange bestimmen große Teile des Bildes. Feine helle Linien führen durch Haare, Gesicht und Kleidung. Zwischen diesen gemalten Flächen liegen die Spiegelstücke.
Die Ruhe entsteht hier aus einer genau gewählten Körperhaltung und dem Ausdruck des Gesichts. Die Farbe darf kräftig sein, weil die geschlossenen Augen und die zusammengeführten Hände dem Blick einen ruhigen Mittelpunkt geben.
Sigrid wünscht sich, dass „Noa“ Ruhe in einen Raum bringt und sich „wie eine Umarmung“ anfühlt. Im Gesicht und in den Händen lässt sich nachvollziehen, wie sie diesen Wunsch gestalterisch umsetzt.

Der eigene Blick gehört dazu
Auf dem Foto erscheint Sigrids Gesicht neben der gemalten Figur in einem Spiegel. Neben dem gemalten Gesicht ist ihr eigenes zu sehen.
Im Interview erklärt Sigrid, dass die Spiegel auch die Umgebung aufnehmen. Das Werk reagiert damit auf den Raum, in dem es sich befindet. Die Malerei bleibt bestehen, während die Spiegel etwas Gegenwärtiges zeigen. Licht und Standpunkt beeinflussen, welche Ausschnitte darin sichtbar werden.
Bei „Noa“ setzt Sigrid die Spiegel in der Kleidung ein. Die geschlossenen Augen bewahren den ruhigen Ausdruck der gemalten Figur. Gleichzeitig kann der Betrachter sich selbst an anderer Stelle im Bild entdecken.

Das vollständige Gespräch
Sigrid Platzer im Gespräch mit Nikolas Ingerle
Im vollständigen Artist-Spotlight-Interview erzählt Sigrid von ihrem Weg aus der Glaskunst zur Malerei, ihrer Arbeit in Serien und den Gedanken hinter ihren Bildern. Das Gespräch ergänzt den Blick ins Atelier um ihre eigene Stimme.
Artist Spotlight · Folge 312 · 50 Minuten
Sigrid Platzer
im Gespräch
Sigrid Platzer in eigenen Worten
Sechs Fragen aus dem Atelier
Über geschliffene Spiegel, den Ausdruck eines Gesichts und die neue Serie „1000 Kraniche“.
01Wie entstehen deine Spiegelapplikationen?
Ja, ich bearbeite und schleife die Spiegel selbst. Zuerst entsteht das Bild, wobei ich meistens schon eine Vorstellung davon habe, an welchen Stellen später Spiegel eingesetzt werden sollen. Bei manchen Werken sind sie sehr präsent, bei anderen ganz dezent.
Die Position und Form wähle ich sehr bewusst. Dann fertige ich eine Schablone aus Backpapier an, übertrage sie auf den Spiegel, schneide die Form mit einem Stahlrad zu und schleife die Kanten sorgfältig. Erst danach werden die einzelnen Spiegelteile auf dem Kunstwerk befestigt.
02Was soll „Noa“ in einem Raum verändern?
„Noa“ soll vor allem Ruhe in einen Raum bringen. Sie soll sich ein bisschen wie eine Umarmung anfühlen. Wie eine kleine Ruheoase, wenn rundherum gerade alles wankt.
Die warmen Farben, ihr ruhiger Ausdruck und die geschlossenen Augen unterstützen genau dieses Gefühl.
03Welche Rolle spielen die Augen in deinen Bildern?
Eine sehr große. Über die Augen kann man unglaublich viel ausdrücken. Manchmal verändert schon eine einzige Linie den gesamten Ausdruck eines Gesichts.
Mir wurde selbst schon oft gesagt, dass ich sehr viel mit meinen Augen ausdrücke, ohne etwas sagen zu müssen. Ich glaube, genau das hat irgendwann auch seinen Weg in meine Bilder gefunden.
04Was verbindet „Dos Oruguitas“ mit „Lucy“?
Das Lied kam ganz unvermittelt zu mir und passte sofort zu dem Thema von „Lucy“: Loslassen, Vertrauen und daran glauben, dass danach wieder etwas Neues und Positives entstehen darf. Im Lied geht es um zwei Raupen, die sich voneinander lösen müssen, um zu Schmetterlingen zu werden.
Da ich kein Spanisch spreche, wusste ich anfangs gar nicht, ob der Text wirklich zum Bild passt. Als ich mir die deutsche Übersetzung angesehen habe, war ich richtig berührt, wie stimmig alles zusammenkam. Als ich das Lied zum ersten Mal gemeinsam mit „Lucy“ erlebt habe, sind mir tatsächlich die Tränen gekommen. Das war ein ganz besonderer Moment. So etwas passiert selten.
05Was wünschst du dir für die Menschen, die deine Bilder ansehen?
Heute wünsche ich mir, dass die Bilder genau das auch für andere Menschen sein dürfen: eine kleine Stütze und ein stilles Licht in schwierigen Zeiten.
06Was ist aus der neuen Serie geworden?
Seit dem Podcast sind einige Serien entstanden. Meine letzte Serie „stilles LICHT“ habe ich inzwischen abgeschlossen. Jetzt entsteht etwas ganz Neues: „1000 Kraniche“.
Dabei geht es um Wünsche. Besonders um den Wunsch, sich selbst wieder etwas mehr in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen. Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ernst zu nehmen, den eigenen Wert zu erkennen und wieder mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ohne dabei arrogant zu werden.
Grundlage dieses Porträts sind Sigrids schriftliche Antworten und das vollständige Artist-Spotlight-Interview.
Ausstellungen im Überblick
Für dieses Porträt hat Sigrid folgende Stationen genannt:
- 2025: „Herzensmensch“, Fürstenfeld.
- 2025: Haus der Frauen, St. Johann bei Herberstein.
- 2025/26: Ratscher Landhaus, Südsteiermark.
- 2026/27: Feistritzwerke, Gleisdorf.
Weitersehen / Sigrids aktuelle Arbeiten
Die Werke in der Kartei
Sigrid Platzer ist Teil der Ikonenschmiede-Kartei. Hier findest du ihre zuletzt veröffentlichten Werke. Neue Arbeiten rücken automatisch nach.
Mit Sigrid verbunden bleiben
Die nächste Arbeit
nicht verpassen.
Abonniere Sigrid Platzer und erhalte eine E-Mail, wenn sie ein neues Werk in der Kartei veröffentlicht.
Mehr von Sigrid Platzer

