Aus der Kartei / Im Atelier
Elli Sue Der hellste Punkt
weist den Weg.
Elli Sue malt Momente, in denen ein Schritt bevorsteht oder eine Heimkehr möglich wird. Mythologie und Fantasy geben ihr die Stoffe. In ihren Ölgemälden übersetzt sie diese Geschichten in Landschaften, deren Licht den Blick gezielt durch das Bild führt.
Zum Künstlergespräch ↓
Elli Sue / Die künstlerische Idee
Elli Sue beschäftigt sich in ihrer Malerei mit Übergängen, Entscheidungen und Heimkehr. Sie findet diese Themen in Mythen und in den Fantasy-Geschichten, die sie seit ihrer Kindheit liest. An den Erzählungen interessiert sie das wiederkehrende Geschehen: Jemand verlässt das Vertraute, muss sich entscheiden und kommt verändert zurück. Aus solchen Momenten entwickelt sie ihre Bilder.
Dabei möchte sie etwas zeigen, das mit eigenen Erfahrungen verbunden werden kann. Ein Werk soll daran erinnern, welcher Schritt gerade bevorsteht oder worauf sich der Blick richtet. In ihren Antworten für dieses Porträt beschreibt sie den Wunsch, dass Menschen in einem Bild eine eigene Geschichte erkennen.
Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt dem Licht. Sie legt fest, welcher Punkt der hellste ist und wie sich die übrigen Bildteile darauf beziehen. Dunkle Vordergründe, beleuchtete Segel und eine Sonne über einer Brücke sind dafür konkrete Mittel.
Aus gelesenen Geschichten werden gemalte Momente
Elli Sue nennt „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“ und die „Sturmlicht-Chroniken“ als Beispiele für ihre frühe Begeisterung für Fantasy. Sie verbindet diese Bücher mit einem Erzählmuster, das sie auch in Mythen findet: dem Aufbruch, den Prüfungen und der veränderten Rückkehr. In der Malerei wendet sie sich den einzelnen Momenten dieses Geschehens zu.
Für „Returning Home“ arbeitete sie sich durch Homer. Dabei beschäftigte sie die Frage, was es bedeutet, nach langer Zeit wieder heimzufinden. Aus dieser Auseinandersetzung entwickelte sie eine Szene mit einem Schiff auf nächtlicher See. Bei „Zwischenwelt“ geht es um eine Schwelle und den Schritt zum nächsten Ufer.
Lesen, recherchieren und „Köchelnlassen“
Vor einem Werk liest Elli Sue die Stoffe und sucht nach Quellen, die nah an der Originalübersetzung liegen. Eine Interviewreihe mit Historikern, Podcastern und Popkulturwissenschaftlern hat ihr dabei geholfen. Auch Pflanzen, Tiere und Symbole recherchiert sie für die jeweilige Bildidee. Pflanzen und Tiere deutet sie möglichst ortsgetreu an.
Auf das Sammeln der Informationen folgt ein Arbeitsschritt, den sie „Köchelnlassen“ nennt. Sie lässt den Stoff mehrere Tage oder Wochen liegen und beschäftigt sich jeden Tag ein Stück damit. In dieser Zeit entstehen für sie die kreativen Ideen, Symbole und abstrakteren Muster.
Im Atelier / Die Arbeitsweise
Alles ordnet sich dem hellsten Punkt unter
Elli Sue beschreibt zwei Entscheidungen, auf die sie besonders achtet. Die Bildteile beziehen sich auf den hellsten Punkt. Zugleich braucht das Licht einen dunklen Vordergrund, damit es wirken kann.
Die Helligkeit hat dabei auch eine erzählerische Aufgabe. In „Zwischenwelt“ liegt die Sonne hinter dem höchsten Punkt des Brückenbogens. In „Returning Home“ nimmt das Segel Mondlicht auf und am Horizont stehen die Lichter einer Stadt.
In „Zwischenwelt“ rahmen dunkle Bäume und Ufer die beleuchtete Brücke. In „Returning Home“ hebt sich das helle Segel vom Nachthimmel ab.
„Alles im Bild ordnet sich dem hellsten Punkt unter.“Elli Sue
Am Werk gesehen
Eine kleine Brücke und ein großer Schritt
In „Zwischenwelt“ liegt eine kleine Bogenbrücke über dem Wasser. Hinter ihrem höchsten Punkt steht die Sonne. Die Landschaft wird nach vorn dunkler. Äste und Pflanzen rahmen den Blick auf die helle Stelle. Unter der Brücke fällt Wasser in einen tiefer liegenden Bereich. Das warme Licht gibt dem Auge einen klaren Mittelpunkt.
Elli Sue verbindet die Brücke mit einer Erfahrung des Rückblicks. Vor einer Entscheidung kann ein Schritt sehr groß erscheinen. Ist er getan, sieht der Weg zum nächsten Ufer oft überschaubar aus. Deshalb hat sie die Brücke klein und fast verspielt gestaltet.
Besonders genau ist die Position der Sonne. Der Bogen und das Licht treffen am höchsten Punkt zusammen. Die Künstlerin verbindet diesen Moment damit, dass eine Vorstellung in eine Handlung übergeht.


Am Werk gesehen
Das Licht macht die Heimkehr sichtbar
„Returning Home“ zeigt ein Schiff auf dunkler, bewegter See. Die Segel sind heller als die Wellen und die sie umgebende Nacht. Am Horizont liegen weitere Lichtpunkte. Unterhalb des gemalten Meeres gehen dunkle Farbspuren in einen helleren Bereich über. Die herablaufenden Farbspuren bleiben sichtbar.
Aus ihrer Beschäftigung mit der Heimkehr des Odysseus entwickelte Elli Sue die Bedeutung der einzelnen Bildteile. Die Nacht und die Wellen verbindet sie mit einem herausfordernden Alltag. Das Schiff und die Segel stehen für den Gedanken an ein Zuhause und die Möglichkeit, dorthin zurückzukehren. Die Lichter am Horizont geben dieser Fahrt eine Richtung.
Das beleuchtete Segel macht das Schiff in der dunklen Umgebung gut erkennbar. Die kleinen Lichter am Horizont setzen einen zweiten Bezugspunkt. Zwischen beiden Stellen kann der Blick eine Verbindung herstellen.

„Wie für ihn gemalt“
Elli Sue nennt es ihr größtes Kompliment, wenn jemand sagt, ein Bild sei wie für ihn gemalt. In ihrer Antwort erklärt sie: „Wenn jemand sagt, ein Bild sei wie für ihn gemalt, dann hat er darin nicht meine Geschichte gesehen, sondern seine eigene.“ Bei „Zwischenwelt“ kann das der Schritt sein, den man sich noch nicht traut. Bei „Returning Home“ der Ort, an den man zurückkehren möchte.

Elli Sue in eigenen Worten
Sechs Fragen aus dem Atelier
Über Ideen, Arbeitsweise und die Gedanken hinter den Werken.
01Warum ist die Brücke in „Zwischenwelt“ so klein?
Mich faszinieren Orte, die sich wie Schwellen anfühlen. Plätze, an denen man innehält, weil sich etwas überlagert: Traum und Realität, Wunsch und Möglichkeit. Die Brücke ist genau so eine Schwelle.
Sie zeigt den Weg so, wie er aussieht, wenn man ihn schon gegangen ist. Man schaut zurück und denkt: Das war ja gar nicht so schlimm. Vorher wirkt der Schritt riesig. Im Rückblick war es nur ein kleiner Schritt bis zum nächsten Ufer. Deshalb ist die Brücke klein und fast verspielt.
Die Sonne genau hinter dem höchsten Punkt des Bogens steht für den Moment, in dem die Vision in Realität kippt, dort, wo dein Denken sich im Handeln äußert.
02Wie wurde aus der Heimkehr des Odysseus „Returning Home“?
Als ich mich durch Homer gearbeitet habe, hat mich sehr beschäftigt, dass Odysseus zwanzig Jahre lang nicht nach Hause fand. Was macht das mit einem Menschen? Wie findet man nach so langer Zeit doch noch heim? Und welche Rolle spielt das Zuhause dabei?
Daraus wurde die Szene. Die Nacht und die hohen Wellen symbolisieren den herausfordernden Alltag. Das sichere Schiff mit den hoffnungsvoll aufgebauschten Segeln ist der Gedanke an ein Zuhause und die Gewissheit, dass man dorthin zurückkehren kann. Die Fackeln und das Licht der Stadt sind der Nordstern, den das Schiff, man selbst, ansteuert.
03Worauf achtest du beim Licht?
Mich fasziniert, dass man eine mystische, kontemplative Stimmung mit Licht so gut aufbauen kann. Dabei achte ich vor allem auf zwei Dinge: Alles im Bild ordnet sich dem hellsten Punkt unter. Und es braucht immer einen dunklen Vordergrund, damit das Licht wirken kann. Ganz nach dem Motto: Ohne Dunkelheit gibt es kein Licht.
Deshalb setze ich das Licht ganz bewusst. In „Zwischenwelt“ steht die Sonne hinter dem höchsten Punkt der Brücke, dort, wo die Vision Wirklichkeit wird. In „Returning Home“ fängt/beflügelt das Segel das Mondlicht und am Horizont brennen die Fackeln der Stadt: das Licht, auf das alles zuläuft.
04Wie recherchierst du für ein Bild?
Es fängt natürlich mit dem Lesen der Stoffe an, zu Beginn mit Quellen, die möglichst nah an der Originalübersetzung sind. Sehr weitergeholfen hat mir auch eine Interviewreihe mit Historikern, Podcastern und Popkulturwissenschaftlern.
Mir ist immer besonders wichtig, dass ich Mythen nicht nur illustriere, sondern eine Botschaft und eine antike Stimmung transportiere. Die Bildatmosphäre muss einen Sog erzeugen durch Licht und Komposition. Flora und Fauna deute ich trotzdem möglichst ortsgetreu an und Symbolik bedarf natürlich auch Recherche bei meinem Thema.
Der wichtigste Schritt nach dem Sammeln der harten Fakten ist das Köchelnlassen. Ich lasse den Stoff mehrere Tage bis Wochen liegen und arbeite jeden Tag ein Stück mit ihm. Genau dort entstehen die kreativen Ideen, Symbole und die abstrakteren Muster.
05Wie wurde aus deiner Begeisterung für Fantasy eine Bildidee?
Seit meiner Kindheit verschlinge ich Fantasy: Harry Potter, Der Herr der Ringe, die Sturmlicht-Chroniken und vieles mehr. Im Kern erzählen sie immer wieder dieselbe Geschichte: Jemand verlässt das Vertraute, steht an einer Schwelle, muss sich entscheiden, geht durch Prüfungen und kommt verändert zurück. Es ist die alte Heldenreise, die schon in den Mythen steckt.
Diese Geschichten zu malen, kam sehr organisch. Wenn ich gemalt habe, habe ich mich intuitiv allem zugewendet, was eine antike, mystische, fast melancholische Stimmung hat. Heute male ich genau diese Momente der Heldenreise: die Schwelle in „Zwischenwelt“, die Heimkehr in „Returning Home“.
06Was soll jemand beim täglichen Blick auf dein Bild entdecken?
Wenn jemand sagt, ein Bild sei wie für ihn gemalt, dann hat er darin nicht meine Geschichte gesehen, sondern seine eigene.
Genau das wünsche ich mir für jeden Morgen: dass er im Vorbeigehen kurz innehält und sich selbst begegnet. Bei „Zwischenwelt“ vielleicht dem Schritt, den er sich gerade noch nicht traut. Bei „Returning Home“ dem Nordstern, auf den er zusteuert.
Ich glaube, wir bringen alle Antworten schon inherent mit. Ein Bild kann uns jeden Morgen ein Stück daran erinnern, uns selbst zu begegnen.
Grundlage dieses Porträts sind die schriftlichen Antworten von Elli Sue für die Reihe „Aus der Kartei“.
Weitersehen / Aktuelle Arbeiten von Elli Sue
Die Werke in der Kartei
Elli Sue ist Teil der Ikonenschmiede-Kartei. Neben den im Porträt besprochenen Werken ist dort inzwischen auch „Fluss der Könige“ veröffentlicht. Die Übersicht zeigt ihre zuletzt veröffentlichten Arbeiten. Neue Werke rücken automatisch nach.
Mit Elli Sue verbunden bleiben
Die nächste Arbeit
nicht verpassen.
Abonniere Elli Sue und erhalte eine E-Mail, wenn ein neues Werk in der Kartei veröffentlicht wird.
Mehr von Elli Sue


